Product Vision Board
Was ist es?
Visuelles Strategiewerkzeug von Roman Pichler (renommierter Agile-/Produktmanagement-Experte, Autor mehrerer Bücher zu Produktmanagement und Scrum), um Produktvision und -strategie kompakt auf einem Canvas festzuhalten und zu validieren. Besteht in der Grundversion aus fünf Feldern:
Vision: Übergeordnetes Ziel – welche positive Veränderung soll das Produkt bewirken? (langfristig, 5–10 Jahre Gültigkeit)
Target Group (Zielgruppe): Welchen Markt/welche Marktsegmente adressiert das Produkt, wer sind die Nutzer/Kunden?
Needs (Bedürfnisse): Welches Problem löst das Produkt, welchen Nutzen bietet es?
Product: Zentrale Alleinstellungsmerkmale/Kernfunktionen des Produkts
Business Goals (Geschäftsziele): Welchen Nutzen soll das Produkt für das Unternehmen selbst erzielen?
In der erweiterten Version ("Extended Vision Board") ergänzt Pichler zusätzliche Geschäftsmodell-Elemente (ähnlich Business Model Canvas), sodass insgesamt sieben Abschnitte entstehen.
Zielgruppe
Product Owner/Product Manager (v. a. in agilen/Scrum-Kontexten), die vor der Roadmap-Erstellung eine kompakte, gemeinsam getragene Produktvision brauchen
Teams zu Beginn eines neuen Produkts oder bei größerer strategischer Neuausrichtung eines bestehenden Produkts
Organisationen, die Stakeholder (Management, Entwicklung, Vertrieb) auf ein gemeinsames Zielbild einschwören wollen, bevor konkrete Features diskutiert werden
Workshop-Moderatoren, die ein leicht zugängliches, visuelles Format für Strategie-Workshops suchen
Weniger geeignet für: sehr kleine, klar umrissene Einzelfeatures ohne strategische Tragweite, sowie als alleiniges Werkzeug für die operative Roadmap-Erstellung (dafür verweist Pichler selbst auf sein separates "GO Product Roadmap"-Werkzeug)
Vorteile
Sehr einfach und kompakt (eine Seite) – niedrige Einstiegshürde, gut für Workshops mit gemischten Stakeholdern geeignet
Erzwingt, Vision, Zielgruppe, Bedürfnis, Produkt und Geschäftsziel explizit und getrennt zu formulieren – verhindert vage, unausgesprochene Annahmen
Empfohlene Bearbeitungsreihenfolge "Needs-first" (Bedürfnisse vor Lösung) fördert kundenzentriertes statt lösungsgetriebenes Denken
Kostenlos verfügbar (inkl. Checkliste) direkt von Roman Pichler, breite Tool-Unterstützung (Miro, Lucidspark, Canvanizer u. a.)
Lässt sich flexibel um weitere Geschäftsmodell-Elemente erweitern, ohne ein komplett neues Werkzeug einführen zu müssen
Nachteile / Risiken
Liefert nur eine Momentaufnahme der Strategie, keine operative Priorisierung oder Zeitplanung – muss mit einer eigentlichen Roadmap ergänzt werden
Erfordert Disziplin, die Vision tatsächlich "enduring" (langfristig, lösungsfrei) zu halten – in der Praxis rutschen Teams schnell in konkrete Feature-Beschreibungen ab
Geringe inhaltliche Tiefe pro Feld – für komplexe Produkte/Portfolios oft zu knapp, ergänzende Analysen (Marktforschung, Wettbewerbsanalyse) bleiben nötig
Erweiterte Version überschneidet sich stark mit dem Business Model Canvas – laut Pichler selbst gibt es keine zwingende Logik für die Reihenfolge der unteren Felder, was zu Uneinheitlichkeit in der Anwendung führen kann
Als reines Strategie-Dokument ohne regelmäßige Aktualisierung veraltet es genauso wie jede andere Roadmap/Strategieartefakt
Alternativen / ergänzende Frameworks
Ansatz | Ausrichtung |
|---|---|
GO Product Roadmap (ebenfalls Roman Pichler) | Operative Fortsetzung des Vision Boards – outcome-basierte Roadmap-Erstellung |
Business Model Canvas | Breiterer geschäftsmodellorientierter Blick, weniger auf reine Produktvision fokussiert |
DHM-Modell (Gibson Biddle) | Strategischer Filter für einzelne Produktentscheidungen statt Gesamtvisions-Canvas |
Impact Mapping | Verbindet Ziel direkter mit konkreten Akteuren/Maßnahmen, weniger auf Vision/Zielgruppen-Beschreibung ausgelegt |
Value Proposition Canvas | Vertieft speziell die Needs/Product-Passung, ohne Geschäftsziel-Ebene |
Lean Canvas | Stärker Startup-/Geschäftsmodell-orientiert statt reiner Produktvisions-Fokus |
Sonstiges wichtig für die Entscheidung
Pichler empfiehlt explizit, mit den Needs zu beginnen (nicht mit der Vision), insbesondere bei neuer Strategie für ein neues oder bestehendes Produkt
Eigene Checkliste von Pichler zur Qualitätsprüfung der Vision verfügbar: u. a. inspirierend, gemeinsam getragen, ethisch vertretbar, prägnant, ambitioniert, langfristig gültig – hilfreich, um "leere" Visionsformulierungen zu vermeiden
Wichtig: Die Vision sollte lösungsfrei bleiben (kein "Wie", sondern "Warum") – die konkrete Umsetzung gehört ins Product-Feld bzw. in die nachgelagerte Roadmap
Board versteht sich laut Pichler ausdrücklich als Ausgangspunkt, nicht als endgültige Lösung – Anpassung an eigene Bedürfnisse ausdrücklich erwünscht
Fazit für Entscheider
Sehr praktikables, kostenloses Einstiegswerkzeug, um eine Produktvision kompakt zu formulieren und mit Stakeholdern abzustimmen, bevor Roadmap und Backlog entstehen. Sollte nicht isoliert, sondern als erster Schritt vor einer operativen Roadmap-Methode (z. B. GO Product Roadmap oder RICE-basierte Priorisierung) verwendet werden – die Board-Übung ersetzt keine Marktvalidierung, schafft aber eine wichtige gemeinsame strategische Grundlage.