Feldstudie
Was es ist?
Qualitative Forschungsmethode, bei der Nutzer:innen in ihrem natürlichen Lebens- oder Arbeitsumfeld beobachtet werden, statt sie in ein Labor oder einen künstlichen Testkontext zu holen
Ziel ist es, echtes Verhalten, Kontextfaktoren und unausgesprochene Bedürfnisse zu erfassen, die in Interviews oder Umfragen oft nicht sichtbar werden
Kombiniert meist Beobachtung mit begleitenden Gesprächen (z. B. kontextuelle Interviews), um Handlungen und deren Hintergründe zu verstehen
Kann von wenigen Stunden (Beobachtung am Arbeitsplatz) bis zu mehreren Tagen oder Wochen (ethnografische Studien) dauern
Zielgruppe
UX-Researcher:innen und Innovationsteams, die reales Nutzerverhalten im Kontext verstehen wollen
Product Manager, die Annahmen über Arbeitsabläufe, Umgebungsfaktoren oder Nutzungssituationen überprüfen möchten
Teams, die neue Produkte oder Services für unbekannte oder wenig erforschte Zielgruppen/Märkte entwickeln
Unternehmen, die Usability- oder Zufriedenheitsprobleme untersuchen, deren Ursachen unklar sind
Vorteile
Deckt reales Verhalten und echte Kontextfaktoren auf, die in Interviews oder Selbstauskünften oft verzerrt oder unvollständig sind
Liefert reichhaltige, ganzheitliche Einblicke in Abläufe, Umgebung und soziale Dynamiken
Macht unausgesprochene, oft unbewusste Bedürfnisse und Workarounds der Nutzer:innen sichtbar
Besonders wertvoll bei der Erschließung neuer oder wenig verstandener Zielgruppen und Märkte
Nachteile
Zeit- und ressourcenintensiv, insbesondere bei mehreren Standorten oder längeren Beobachtungszeiträumen
Ergebnisse sind stark kontextabhängig und lassen sich nur eingeschränkt verallgemeinern oder quantifizieren
Erfordert geschulte Beobachter:innen, um relevante Verhaltensmuster zu erkennen und nicht durch die eigene Anwesenheit zu verzerren (Beobachtereffekt)
Auswertung unstrukturierter Beobachtungsdaten ist aufwendig und erfordert qualitative Analysekompetenz
Zugang zu geeigneten, repräsentativen Beobachtungssituationen ist nicht immer einfach zu organisieren
Alternativen
Nutzerinterviews (weniger aufwendig, aber ohne direkten Verhaltenskontext)
Usability Testing (fokussiert auf konkrete Produktinteraktion statt breiten Lebens-/Arbeitskontext)
Tagebuchstudien (Nutzer:innen dokumentieren selbst über einen Zeitraum, ohne direkte Beobachtung vor Ort)
Concept Testing (prüft Reaktionen auf eine Idee statt reales Verhalten im Alltag)
Sonstiges Wichtiges für die Entscheidung
Empfohlen sind mehrere Beobachtungssitzungen mit unterschiedlichen Personen, um über Einzelfälle hinaus verlässliche Muster zu erkennen
Vorabsprache mit den Teilnehmenden über Ziel und Ablauf ist wichtig, um Vertrauen zu schaffen und Verzerrungen zu minimieren
Sollte mit klaren Beobachtungsleitfragen vorbereitet werden, um trotz offenem Format fokussiert zu bleiben
Eignet sich besonders gut in Kombination mit anschließenden Methoden wie Affinity Mapping zur Auswertung der gesammelten Beobachtungen
Datenschutz- und Einwilligungsfragen sind bei Beobachtungen in privaten oder sensiblen Umgebungen besonders zu beachten
Fazit für Entscheider
Eine Feldstudie eignet sich gut, wenn reales Nutzerverhalten und dessen Kontext verstanden werden sollen, um Annahmen über Abläufe, Bedürfnisse oder Nutzungssituationen zu überprüfen. Besonders wertvoll ist sie bei der Erschließung neuer oder wenig bekannter Zielgruppen sowie bei komplexen, kontextabhängigen Problemstellungen, die sich nicht allein durch Befragungen klären lassen. Weniger geeignet ist sie, wenn schnelle, kostengünstige Erkenntnisse benötigt werden oder die Fragestellung sich bereits gut durch Interviews, Umfragen oder Usability Tests beantworten lässt.